Hans-Joachim Fuchtel: Wir wollen die Menschen aus Hartz IV heraus- und in den ersten Arbeitsmarkt hineinbringen
Der parlamentarische Staatssekretär in Sulz, dort wo unter schwierigsten Bedingungen alles anfing

Hans-Joachim Fuchtel hat seinen Weg gemacht. Ist seit Herbst 2009 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Er hat seinen Weg gemacht. Doch dass er, der seit dem Jahre 1987 als CDU-Abgeordneter im Deutschen Bundestag Politik mitgestaltet, überhaupt lebt, „darüber bin nach dem so tragischen Ereignis glücklich und froh.“ Und zitierte an der Glatttalbrücke in Bettenhausen aus einem Gedicht seiner Mutter zu dessen 48. Geburtstag: „Am 18. November 1951 war für uns zwei / beinah’ alles vorbei. Ein Schutzengel gab uns die Kraft, dass wir nach Wochen es geschafft / gesund und froh zu sein.“
Auf Einladung des CDU-Stadtverbandes Sulz gedachten der heutige Staatssekretär, Zeitzeugen und Mitglieder der CDU dieses Ereignisses, bei dem die schwangere Mutter und der Vater einen fürchterlichen Motorradunfall erlitten und die Mutter acht Meter weit durch die Luft in die Glatt flog, durch die Feuerwehr, die im Gasthaus „Hirsch“ zum Glück bei einer Hochzeitsfeier zugegen war, gerettet wurde. Ein bewegender Augenblick: auch durch die Schilderungen von Zeitzeugen, die zwar den Unfall nicht gesehen hatten, aber viel beisteuern zu all dem, was danach geschah in jenen Wochen und Monaten. Die Mutter war Magd im „Hirsch“, der Vater Knecht im Hotel „Kaiser“. Folgerichtig war dies die zweite Station, wo die Seniorchefin des Hauses mit Fuchtel und den anderen Gästen über jene Zeit sprach. Auch darüber, dass in jener Zeit, in den Anfangsjahren der jungen Bundesrepublik Deutschland noch keine Rede sein konnte von dem Sozialstaat in der heutigen Verfassung.
Dieser ist das Betätigungsfeld des CDU-Politikers im Hause von Arbeits- und Sozialministern Ursula von der Leyen. So lag ein Gesprächstermin bei der Sozialstation am Marktplatz in Sulz nahe. Geschäftsführer Michael Lehrer, Verwaltungsleiterin Ramona Stühler sowie Pflegedienstleiterin Helene Eyth erläuterten den Gästen die Entwicklung der 1976 gegründeten Einrichtung, die für Sulz sowie für Vöhringen zuständig ist und mit ihren 51 Mitarbeitern ein immer breiteres Angebot unterbreitet. Vier Problemfelder zeigte Michael Lehrer auf gegenüber Hans-Joachim Fuchtel und dem inzwischen ebenfalls dazu gestoßenen Rottweiler Landtagsabgeordneten Stefan Teufel kundtun wollte: „Ich bin Ihnen dankbar und freue mich, dass Sie uns besuchen, und ich will die Gelegenheit nutzen, an Sie die Probleme, die wir haben, herantragen.“ Es waren dies einmal das Zustandekommen des Pflege-TÜVs, die fehlende Regelung für den „grauen Markt“ bei osteuropäischen Betreuungskräften, der Wegfall der Zivildienstes sowie Fragen nach der immer wichtiger werdenden Palliativ-Pflege.
Der Altersdurchschnitt nimmt zu, auch in Sulz, was Einrichtungen wie die Sozialstation immer wichtiger werden lässt, stellte Hans-Joachim Fuchtel fest und lobte die breite Palette, die dort angeboten wird und mit der auf die neuen Anforderungen reagiert wird. Da das ins Gespräch gebrachte verpflichtete soziale Jahr aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht möglich ist, setzt die Bundesregierung auf den neu zu bildenden Bundesfreiwilligendienst – mit Möglichkeiten auch für ältere Mitbürger, die hier durchaus noch eine Möglichkeit sehen können, im sozialen Bereich tätig zu sein.
Stefan Teufel, Sozialpolitiker aus Leidenschaft, setzt darauf, die Pflegeberufe noch attraktiver zu machen, erwähnte das in der zu Ende gehenden Legislaturperiode errichtete BK Gesundheit und Pflege, auch die dezentralen Strukturen, „die gerade für uns im ländlichen Raum goldrichtig sind.“ Und regte an, in Sachen Palliativmedizin einen runden Tisch mit allen, die damit zu tun haben, einzuberufen. Eine Idee, der der Geschäftsführer gerne zustimmte, „weil wir alle miteinander diesen wichtigen und sehr sensiblen Bereich angehen sollten.“
Hochzeit, Geburt und Taufe: all dies fand statt in jener Zeit 1951 / 52 im damaligen Krankenhaus in Sulz unter Umständen, die man sich heute kaum mehr vorstellen kann. Für den heute 59-Jährigen nicht ohne rührenden Moment: zum ersten Mal war er an diesem Ort, jetzt das Café Ambiente, an dem er damals das Licht der Welt erblickte und seine Eltern noch immer an den Folgen des Unfalls litten. Und in einer öffentlichen Veranstaltung über die Auswirkungen der demographischen Veränderungen sprach. Der Geburtenrückgang, der Anstieg der Lebenserwartung, „viel weniger Junge, mehr Ältere“, dies alles hat dramatische Auswirkungen. So beschrieb der Christdemokrat die Lage, aus der heraus sein Ministerium die notwendigen Folgerungen zieht. Mit einem Bündel von Maßnahmen und – besonders bedeutend für ihn als Politiker mit dem C im Parteinamen: „Wir wollen keine Hartz-IV-Kulturen zulassen. Wir wollen die Leute an die Hand nehmen und sie in den ersten Arbeitsmarkt bringen.“ Ignorierte Potenziale akquirieren, beispielsweise, wie es in der Fachsprache heißt, die 640 000 Alleinerziehende mit der eine Million Kindern eine Perspektive geben, aus ihrer häufig schwierigen Situation herausführen.
Der Staatssekretär: „Die alternde Gesellschaft, die alternde Belegschaft betrifft uns alle.“ Letztere werden in den nächsten zehn Jahren ihr Durchschnittsalter um vier bis fünf Jahre erhöhen.“ Alles mit weit reichenden Folgen.
Und mit dem Bildungspaket habe Ministerin Ursula von der Leyen („es auf den Weg gebracht zu haben, war alleine ihre Leistung und ihr Werk“) den Weg geöffnet für die Teilhabegerechtigkeit, für die die CDU einstehe: „Es soll bei uns jeder seine Chance haben, aus seinem Leben das ihm Mögliche zu machen.“
Herwart Kopp, CDU-Stadtverbandsvorsitzender von Sulz, der diesen Nachmittag mit allen seinen Facetten angeregt hatte, konnte am Ende mit seinem Dank an den in Sulz unter schlimmen Umständen geborenen Politiker, der heute den Nachbarwahlkreis in Berlin vertritt, feststellen, dass er vieles aus seinem Leben gemacht hat, dass er seine Chancen genutzt hat.
Und – mit einem Schlenker zur bevorstehenden Landtagswahl: „Genau dieses ist CDU-Politik, die Möglichkeiten zu eröffnen, dass jede Einzelne seine Chancen wahrnehmen kann.“ Darum gehe es auch am kommenden Sonntag.





